ABOUT

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Bonnie ist in Hamburg aufgewachsen, von dort aus jeden Morgen zum Musikgymnasium im Bonzenviertel gelaufen und hat glücklicherweise irgendwann ihre Violine in die Ecke geschmissen, um illegale Parties im Keller eines autonom besetzten Kulturzentrums zu veranstalten. In Deutschland gibt es eine Art „Gesinnung ist alles“-Manifest, dass das nightlife definiert und in dem es darum geht, sich unbeholfen in das bestmögliche Ressentiment zu flüchten: Die Coolness. Menschen, die das Attribut „cool“ mit sich selbst belegen können statt sich starrsinnig an die Verhältnisse anpassen zu müssen, gibt es wenig. Bonnie gehört dazu. Was sie ausmacht setzt sich aus ihrem vielschichtigen Background, Talent, Wissen, Entscheidungsfreiheit und der Tatsache zusammen, dass man ihr bedingungslos vertrauen kann. Sobald sie für einen Abend verantwortlich ist, will man hin, weil es nicht um rückwärtsgewandte Klischees oder eine dem allgemeinen partygesus innewohnende Zerstörungswut geht, sondern um das, was einen am Nightlife glücklich macht: fantastischer Sound, bedingungslos gute Stimmung und einen Kontext, in dem kein Performancestress herrscht, nur einen durch ihren Geschmack definierte, irrationale Situation, aus der man Kraft schöpft und Etwas lernen kann – Über Freiheit und über Musik. Über eine Form von Professionalität, die jede Starrheit ausschalten kann. Über gute Laune. und darüber, wie man Menschen zu Extremformen von Ausgelassenheit bringt, ohne sich auf plumpe Effekthascherei zu verlassen.

In den späten Neunzigern war sie Resident im legendären Hamburger Pudelclub, gleichzeitig Host einer Hip Hop Show von FSK Radio – die wurde abgesetzt, weil einige Folklorefeministinnen in ihrer dogmatischen Manier bestimmte Hiphopper-Statements für nicht P.C. genug gehalten hatten. In solchen vorgeebneten Problembewältigungsstrategien würde sich Bonnie selbst nie aufhalten, da sie dafür offensichtlich zu interessiert an Inhalten ist. Es geht bei dem, was sie macht, nicht um Gesten, es geht um Spaß, eine sehr sophisticatede form von Dynamik und darum, dass es funktioniert. das, was sie 2006 an unverzichtbaren Erfahrungswerten nach Berlin mitgebracht hat, setzt sich aus unterschiedlichsten Prägungen zusammen, zu denen sie sich bewusst entschieden hat.

In Berlin angekommen fing sie als DJ Booker für den 103 Club an, wo sie Til Harter kennen lernte, und versuchte 100 Mal Conny Oper anzurufen, weil sie von dessen Club „Scala“ gehört hätte – ein ehemalige Kino in einem runtergerockten Altbau, das im Winter mit Gasflaschenöfen vorgeheizt werden musste und als einer der besten je dagwesenen Berliner Locations galt. Conny ging scheinbar irgendwann ans Telefon, sodass Bonnie zusammen mit ihm nun auch für das „Scala“-Booking verantwortlich war. Es wurden Parties für Modular, Kitsune und DFA veranstalt, sie lernte viele neue Freunde kennen, z.B. die Junior Boys, Metronomy, Van She, Tame Impala – und hatte die beste Zeit ihres Lebens. Dass alles mit zwei paar Socken und Daunenjacke im Büro, es gab Strom, Sound, Licht, aber keine Heizung.
Kurze Zeit später lud Till Harter sie ein, eine Partyreihe in der „Bar Tausend“ zu veranstalten – aus der „ich tue das, was mich interessiert“ – Manier ging ihr „In Love With“ Abend hervor, der allen je Dagewesenen zwangsläufig in guter Erinnerung bleiben musste und in dessen Rahmen sie für über zwei Jahre ihre Lieblings DJs und Live Acts einlud:
Dj´s and Live Acts wie Mocky, Die Vögel, Bon Homme, Basti Schwarz, DJ Kaos, The Teenagers, Christian Naujoks, Ben Westbeech, Kill The Tills, Kim Ann Foxmann, Märtini Brös, Eamon Harkin & Justin Carter, Misty Rabbit, Jan Kedves, Angela Richter , um ein paar zu nennen.

Das Konzept setzt sie inzwischen in abgeändertem Format als „Rendez-Vous“ im „Pauly Saal“ fort.

2010 gründete sie zusammen mit Katrin Erichsen Musique Couture, die Agentur für maßgeschneiderte Musikkreationen – und bringt einmal im Monat Mixtapes raus, die in den Kreisen, die darauf zugriff haben, legendär sind und wie irre verschenkt werden.
Alle wissen, dass Musik das Leben transzendiert, es qua Saiten- und Luftsäulenschwingung in Töne verwandelt, die ihre eigene Zeit und Stämmigkeit haben. Musik geht gegen das Vergessen an, denn sie kann die herkömmliche Zeit beschleunigen, verlangsamen, still stehen lassen und manchmal so gar umkehren. Etwas so intimes und irrationales an den herkömmlichen Gesellschaftsstandards von „Menschen zusammenbringen“ anzupassen, ist tausendmal schwieriger als man glaubt. Musik ist nicht von vornherein ein Dialog oder eine Privatbeschäftigung oder eine Lebenshilfe oder die Untermalung einer großen liebe, sie muss dazu gemacht werden – und zwar von, so muss ich das formulieren in meiner Begeisterung, uneingeschränkt als cool zu bezeichnenden Menschen wie Bonnie. Sie demonstriert, was es heißt, Zwänge und Kontigenzen des Lebens zu überschreiten und daraus etwas zu machen, was einem im Leben hilft – oder, um mal kurz die Pathoskeule wieder wegzupacken, einfach nur einen fantastischen Abend beschert.

Helene Hegemann, November 2012

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english version:

Bonnie grew up in Hamburg, visiting the Musikgymnasium in the local big-shot’s neighborhood every morning. To everyone’s benefit, she eventually tossed aside her violin and began to organize illegal parties in the cellar of an independently-operated cultural center. In Germany, there exists an unstated „Spirit is Everything“ credo that defines the nightlife, the coolness of which—sometime uncomfortably—dodges resentment in the best way. Those who might call themselves “cool” and do so with ease are few and far between. Bonnie is one of them. What sets her apart from the crowd is her cross-disciplinary background, talents, knowledge, autonomous self-direction, and, above all else, the fact that she can be trusted unconditionally. With her at the wheel of a night, you know you want to go, but not for the clichéd promises and not to party for partying’s sake. Instead, a night put on by Bonnie is a testament to all that the nightlife has to offer: fantastic music, a great atmosphere, and a place in which all stresses cede to an unbelievable night from which one can draw strength and at which one can learn something about freedom, about music, and about the undeniable allure of professional finesse. It’s about embracing exuberance, sans gimmicks and cheap thrills.

In the late 90s, Bonnie was a resident DJ at Hamburg’s legendary Pudelclub, as well as the host of a hip-hop show on FSK Radio—one that was later dropped as feminists, in their ever-dogmatic way, took a stand against a select few hip-hoppers on the grounds of political correctness. Enough said. A problem solver, Bonnie didn’t quit on her passions. With regards to her tireless work, what Bonnie does is not a pedestrian gesture, but rather a sophisticated, dynamic, and—most importantly—fun final figuration. When she moved to Berlin in 2006, she came equipped with irreplaceable experiences built across a wide range of intentional influences.

Upon arrival in Berlin, Bonnie started booking DJs for the 103 Club where she first met Til Harter as well as tried to ring up Conny Oper 100 times because she had heard of his club Scala, a former cinema in a decrepit building. Heated with gas-cylinder ovens in the winter, the ubiquitous club was considered one of the best spots in Berlin. Still, Conny answered the phone himself, and Bonnie soon joined him to run Scala Booking. Arranging parties for Modular, Kitsune, and DFA, they quickly made many new friends (The Junior Boys, Metronomy, Van She, and Tame Impala included) and had the best time of their lives—all from under down jackets and two pairs of socks a piece. What their office offered in electricity and lighting, it lacked in heating.
Shortly thereafter, Til Harter invited Bonnie to organize a series of parties in the Bar Tausend. Fully inline with her “I do what I find interesting” mentality, Bonnie’s “In Love With” nights proved to be a crowd favorite. Over the course of two years, she invited her favorite DJs and live acts: Mocky, The Birds Bon Homme, Basti Black, DJ Kaos, DJ Fetish, The Teenagers, Christian Naujoks, Ben Westbeech, Kill The Tills, Kim Ann Foxman, Marcus Brös, Eamon Harkin & Justin Carter, Misty Rabbit, Jan Kedves, and Angela Richter to name a few. Her concept lives on to this day as “Rendez-Vous” at Pauly Saal.

In 2010, Bonnie teamed up with Katrin Erichsen to found Musique Couture, the premier agency for tailor-made musical creation. Legendary within the circles of legends, Musique Couture is known for its widely-circulated monthly mixtapes.

We all know that music transcends our daily lives: it turns the vibrations of strings and air into sounds full of energy and rhythm. Unforgettable, the beauty of music is in how it speeds up, slows down, and sometimes reverses. To translate an experience so intimate and, at times, so irrational into the neo-corporate standards of unity proves a thousand times more difficult than one may think. Music isn’t always a dialogue, or a job, or a lifeline, or the soundtrack to an epoch of love. Music is made, I’ve gathered, by those who have something special. It’s made by people who are cool—people like Bonnie. Music crosses over our boundaries and the many What-Ifs of life to help and to heal—or, to push the pathos once final time, to put on a show if only for one night.

Helene Hegemann, November 2012
Translated by Nathan Ma